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Wenn eine verlorene Generation wütet.

10. August 2011
by

London Riots

„Because it’s fucked up. Maybe i’ll move back there full time when the government changes. Or when the next few governments have started repairing the damage Thatcher did. But the current government won’t repair that damage, if anything they’re making it worse. Britain doesn’t work anymore, you know. It’s hard to live there because the infrastructure is broken.“

- Andrew Eldritch, als Antwort auf die Frage, warum er nicht zurück nach England zieht. Er hat es bis heute nicht getan.

Die einschlägigen Blogs sind zu diesem Zeitpunkt leider schon voll von klassisch-linken Erklärungsansätzen für das, was in London gerade passiert. Sie sind so offensichtlich, dass selbst die Tagesschau-Reporter von der „lost generation“ sprechen, die gerade London unsicher macht. Es zeigt sich einfach, dass das England nach Thatcher die breiten Teile der Bevölkerung, die durch ihre Politik zu Verlierern gemacht wurden, nicht mehr mit Brot und Spielen ruhig zu halten sind. In Rom wie in England brauchte es nur minimale Störungen im Gleichgewicht, die eine Kettenreaktion auslösen können. Die heutige Jugend dieser Bevölkerungsteile, die kaum Zugang zu Bildung hat, kaum Chancen bekommt und in eigene Ghettos gepfercht wird, befand sich lange in einem Trancezustand, der durch kapitalistische Verhältnisse und die Unterhaltungsindustrie begünstigt wird.

Ich kann das Entsetzen der Bevölkerung verstehen, das auch gerne dargestellt wird. Als Sohn eines Familienunternehmers habe ich eine Vorstellung davon wie es wäre, wenn 150 Jahre Arbeit einfach niedergebrannt werden. Jemand, der nicht betroffen ist von der Armut und der jahrzehntelangen Vernachlässigung und sich nie mit den Bedingungen dieser Armut beschäftigt hatf, der kann zu der rohen Gewalt nur machtlos den Kopf schütteln. Das Sicherheitsgefühl dieser Menschen ist verletzt, die Politiker, die eilig aus den Ferien kommen, haben keine besseren Ideen als es mit harten Strafandrohungen wieder herzustellen. Damit ist weder den Opfern geholfen noch sind die Ursachen beseitigt. Die von der verlorenen Generation abgespaltenen anderen Schichten wünschen sich einfach nur ihre Ruhe und dass da endlich mal aufgeräumt wird.

Der Auslöser der Krawalle erinnert nur zu sehr an folgenden Filmausschnitt aus „V wie Vendetta“:

Nur wird aus solchen Aufständen wohl kaum eine so einheitliche revolutionäre Bewegung werden und erst recht keine Bewegung mit so edlen Motiven wie Demokratie, soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte. Die Randalierer dort sind selbst untereinander kaum solidarisch, verprügeln und beklauen sich mitunter gegenseitig, rauben Markenklamotten, DVDs und Flachbildschirme und stellen stolz Bilder von ihren Raubzügen ins Netz. Aber was ist zu erwarten von einer gesellschaftlichen Schicht, die über so lange Zeit vom Privatfernsehen großgezogen und quasi darauf abgerichtet wurde, ihre kargen Einkünfte in den Konsum zu stecken? Diese Menschen sind (aus liberaler Sicht) das „Abfallprodukt“ des Thatcherismus. Menschen, denen man jede Solidarität aberzogen hat, die außer materiellem Konsum nichts mehr kennen und die jetzt nunmal wütend sind und einfach nur ein größeres Stück vom Kuchen wollen. Man muss sich Fragen was eine Regierung (eigentlich mehrere Regierungen am Stück), die so etwas zulässt, noch wert ist.

Auch in Deutschland gibt es diese Schicht. Es sind die Menschen, die vor dem Fernseher sitzen und „Unterschichtsfernsehen“ schauen – vor lauter Voyeurismus natürlich ohne zu merken, dass sie selbst Gegenstand dieser Komik sind. Es sind die, die sich zu ihren „absolut zumutbaren“ Niedriglohnjobs schleppen und mit Staatsgeld aufstocken, weil sie mit dem Gedanken aufgewachsen sind, dass man lieber arbeitet, statt nichts zu tun, als gäbe es nur die beiden Pole „Arbeit“ und „Faulheit“.

Ich bin kein großer Optimist, was das angeht, aber ich hoffe die Politiker dort erkennen, dass die Krawalle in London nur Symptome sind und die Ursachen in ihrem eigenen Versagen liegen.

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