Ein Streifzug durch die politische Psychologie: Teil 2
II. Kenne deinen Feind
Wie ich im ersten Teil schrieb befasst sich die politische Psychologie vor allem mit den negativen Formen politischen Handelns, also mit Krieg, Rassismus und Nationalismus. Man versucht, allgemein gültige Charaktereigenschaften zu erforschen, auf die sich diese allzu menschlichen Phänomene zurück führen lassen. Den Anfang machte in grauer Vorzeit kein Geringerer als Theodor W. Adorno.
Nazideutschland war gerade mal fünf Jahre gefallen, die Welt stand vor einem riesigen Krater der Menschlichkeit. Die unvergleichlich grausamen Taten der Nationalsozialisten riefen sprachloses Entsetzen hervor. Adorno und seine Forschungsgruppe machten sich daran, das abgrundtief Böse, das im Menschen zu schlummern scheint, wissenschaftlich zu ergründen. Adorno selbst hielt nicht viel von empirischer Sozialforschung und lieferte nur die theoretische Grundlage für das Modell eines „autoritären Charakters“. Es wurde angenommen, dass die Anhänger faschistischer Ideologien bestimmte Eigenschaften aufweisen: sie halten an Althergebrachten fest, besonders an „alten Werten“. Sie sind allgemein sehr feindselig. Sie sind abergläubisch und esoterisch angehaucht. Sie unterwerfen sich gerne den „Machthabern“. Und sie schreiben Sex eine große Bedeutung in ihrer politischen Meinung zu. Letzteres kann man interessanterweise bei der NPD beobachten, die sich in letzter Zeit stark auf ihre „Todesstrafe für Kinderschänder“-Programmatik fixiert hat. Aus diesen Merkmalen hat man die so genannte „F-Skala“ entwickelt, ein Fragebogen, der das Faschismuspotenzial in der Bevölkerung messen sollte. Man hatte damals nicht die Möglichkeiten, die man heute hat, darum war der Fragebogen besonders leicht manipulierbar und nicht überall anwendbar. Wer ihn trotzdem mal selbst ausfüllen möchte, kann das hier tun. Vor nicht einmal einem Jahr wurden die Leser der Frankfurter Rundschau mit einer F-Skala befragt. Die Ergebnisse waren nicht besonders spektakulär. Zwar gab es Unterschiede: Männer denken autoritärer als Frauen, jüngere Leute autoritärer als Ältere, Menschen mit Realschulabschluss autoritärer als Akademiker, CDU-Wähler autoritärer als Grüne. Doch die Unterschiede sind winzig, sie spielen sich alle in den Nachkommastellen ab und der Mittelwert der Skala wird nie überschritten.
Adornos Team hatte den Vorteil, dass sie an Menschen forschen konnten, die den Faschismus noch selbst erlebt haben. Damit konnten sie eine wichtige Grundlage für die spätere Forschung schaffen. Doch nach der damaligen Definition müsste man automatisch ein Schwarzhemd vor sich sehen, das stramm den Hitlergruß ausführt, die Juden für das größte Übel hält und abends in der Kneipe mit seinen Kameraden in gedämpfter Stimme darüber redet, wie freizügig die jungen Mädchen von heute alle rumlaufen. Wer heute den autoritären Charakter ergründen will, der darf nicht so oberflächlich sein. Antisemitismus ist eine Sekundärvariable und austauschbar, nicht jeder Autoritäre hasst Juden, aber sie sind ein einfaches Ziel, wenn man nach einem Sündenbock sucht. Einen sehr wichtigen Schritt hat Umberto Eco mit einem kleinen Aufsatz gemacht, in dem er die Essenz des Faschismus, den Ur-Faschismus, zu ergründen versucht. Eco hat Mussolinis Italien selbst miterlebt und konnte das Verhalten der Schwarzhemden beobachten. Die von ihm festgehaltenen Merkmale sind:
- Traditionskult. Man sucht die eigenen Wurzeln und findet alles – von Königen bis zu alten, arischen Völkern irgendwo in Indien. Das alles verbindet man zu einer absurden, esoterischen Idee vom göttlichen „Urvolk“, dem man angehört.
- Ablehnung modernen, aufgeklärten Denkens
- Ablehnung kritischen Denkens
- Angst vor Vielfalt und „Eindringlingen“
- Angst vor der Bedrohung der eigenen Nation durch „Eindringlinge“ (Hier kommen die Juden ins Spiel)
- Gefühl der Demütigung durch den äußeren Feind
- Armageddon-Komplex: die Gewissheit, dass es irgendwann zu einer alles entscheidenden Schlacht kommt, nach der eine ewige Ära des Friedens kommt. Darauf muss dann das ganze Volk hinarbeiten.
- Elitedenken. Man gehört zwar dem besten Volk der Welt an, aber es muss eben höher und niedriger Gestellte geben.
- Man pflegt das klassische Kriegsheldentum, also die Ästhetik vom Krieger, der sich für seine Ideale opfert
- Sexualität hat einen hohen politischen Stellenwert (wie schon bei Adorno)
- Der Glaube an ein homogenes Volk, das sich „wie ein Mann“ entscheidet
- Newspeak. Ein verarmtes, stark ideologisch ausgerichtetes Vokabular
Zusammenfassend kann man sagen: autoritäre Untergebenheit, Aggression gegen alles Fremde und Neue, sowie das eiserne Befolgen von „Althergebrachtem“. Robert Altemeyer von der Manitoba University hat diese drei Konzepte aufgegriffen und darauf sein Konzept vom „Right-wing authoritarianism“ aufgebaut. Das ist bisher der vielversprechendste Ansatz, Faschismuspotenzial und damit Aggressions-, und Kriegspotenzial zu messen. Ich kenne die Einwände von Möchtegern-Politikkennern: Kriege können von links und rechts kommen! Sowjetunion! Nordkorea! Das stimmt natürlich. Doch dazu braucht es Menschen, die diesem Gedankengut anhängen, die also auf Demagogie, die auf dem oben Genannten aufbaut, hereinfallen. Altemeyer hat mal versucht, „left-wing authoritarianism“ zu messen, doch daran ist er gescheitert. Die alten stalinistischen Diktaturen unterscheiden sich grundlegend von den heutigen neuen Sozialisten und auch von der antifaschistischen Aktion. Das ständige Gleichsetzen von Links- und Rechtsextremen, wie es heute chic ist, ist gefährlich, unsinnig und völlig haltlos. Jemand mit hohem RWA-Wert kann theoretisch links oder rechts sein, doch hohe Werte werden nunmal bei Rechten gefunden.
Die RWA-Skala von Altemeyer gibt es ebenfalls als Online-Test. Die Testergebnisse sind sehr viel aussagekräftiger als die der F-Skala. Altemeyer selbst hat 68 Personen mit hohem RWA-Wert in eine Rollenspielsituation gebracht, die folgendermaßen aussah: jeder dieser Personen wird auf eine von zehn Nationen aufgeteilt. Jede der Nationen hat die Bedingungen, die auch in der realen Welt gelten: Nordamerika und Europa sind sehr reich, Indien und Afrika eher arm. Es gibt Atommächte, die am Anfang des Spiels gefragt werden, ob sie abrüsten möchten. Nahrung, Gesundheitsversorgung und Arbeit muss aufgeteilt werden und man kann entscheiden, ob man Flüchtlinge aufnimmt. Der wichtigste Aspekt war allerdings der Krieg. Während die Versuchspersonen mit hohem RWA-Wert stark aufrüsteten und letztendlich die gesamte Weltbevölkerung durch Atomkriege ins Jenseits beförderten, schafften die mit niedrigem RWA-Wert tatsächlich, zumindest in diesem Rollenspiel für Weltfrieden und internationale Solidarität zu sorgen. Wenn man bei einem Fragebogen noch nicht sagen kann, dass die Ergebnisse auf das Leben übertragbar sind, sollte das beim „Global Change Game“ durchaus der Fall sein. Ein Glück, dass es kaum noch Länder mit autoritärer Führung gibt, sondern Parlamente, die sich im Zweifel gegenseitig auf die Finger hauen.
Was ist also das Fazit? Krieg liegt nicht in der Natur des Menschen, sondern in der politischen Einstellung. Selbiges gilt für Fremdenhass und Rassismus. Diesen Phänomenen kann man mit genügen politischer Bildung beikommen. Selten war es so einfach, etwas für den Weltfrieden zu tun. Überzeuge noch heute einen Rechten!

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