Bild von Nils geklaut, ohne zu fragen ^^

Durch Schnee, Regen und Kälte gestapft und eine schöne Zeit gehabt. Zwei Tage Berlin, also die Kurzversion.
Wurde ja auch mal wieder Zeit, sich dort blicken zu lassen. Dieses Mal mit einer ereignishungrigen Studententruppe aus Bielefeld und drei sehr sympathischen Austauschstudentinnen aus Indien.
Ankunft Freitag mittag, verbleibende Zeit 30 Stunden.
Schlagwort: Wir müssen uns beeilen!

Am Alex, fast auf den Fernsehturm gekelttert, die Preise sind horend! In den Hackischen Höfen kleine, schicke Lädchen angeschaut. Muzen-Mandeln gegessen und Glühwein getrunken auf dem Christmas market. Das Nachtleben in Friedrichshain nicht gefunden, dafür aber in einer Bar mit unserem eigenen Bier aufgenommen worden. Zu wenig geschlafen. Berlin vom Wasser aus erkundet, bzw. Moan und ich wie immer zu spät gewesen – erkundeten derweil H&M und Starbucks.

Aber bei Regen das Brandenburger Tor fotografiert, über die Mauer philosophiert und eine Klimaschutz-Demo gesehen, mit lauter kleinen, blauen CO²-Kugel-Männchen. Als zum Regen dann auch noch Schnee dazu kam, war es so weit, endlich ins Warme zu gehen und uns den Reichstag zeigen zu lassen. In english please. Beim historischen Know-How gegen eine russische Schulklasse verloren. Die ganze Führung aufgehalten, because: Can you take a picture from all of us please? Schöne bilder haben wir gemacht und mindestens alle drei Minuten eins.
Im Vorspultempo einen Einblick in eine Stadt bekommen, in der es viel zu erblicken gibt.
Danke an die Studenten der Uni Bielefeld, dass ich dabei sein konnte und so viele nette Leute kennen gelernt habe. Solltet ihr nächstes Semester noch mal durch Deutschland reisen, ruft doch einfach kurz an und sagt mir auch Bescheid!

Bei meiner ersten Reise in den Ort Salzburg kam ich mir vor wie ein Reisender ins gelobte Land. Da hatte ich als NC-Flüchtling nämlich gerade eine Zeit voller schlechter Erfahrungen und Gedanken hinter mir, die sich so festgesetzt hatten, dass sie mir wie quängelnde Kinder in jeder Alltagssituation hinterherzulaufen schienen. Am Bahnhof wurde ich von einer wildfremden Österreicherin begrüßt, sodass mein paradiesischer Eindruck sich noch verstärkte. Das habe ich aber alles schon erzählt. Worauf ich hinaus will ist nämlich etwas anderes.

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Super700 nov2009 by violettpop on flickr

Wo wir gerade biem schönen Thema Musik waren -
Beziehungsweise: Nun zum schönen Thema Musik.

Am vergangenen Wochenende spielten Super700 in Magdeburg auf. Eine unglaubliche Band, meiner Ansicht nach. Leider scheinen das bislang noch nicht genügend Menschen bemerkt zu haben.

Wir befinden uns auf einer kleinen Bühne, in einem kleinen Club, in mitten von Studentenwohnheimen. Eigentlich also der perfekte Ort für eine Indie Band aus Berlin. Eigentlich. Kurz nach dem Einlass um neun treffen wir ein, unsere Karten schon im Vorverkauf erstanden, da wir mit einem großen Andrang rechnen. Der Club wirkt fast verschlossen und eine Menschenschlange ist nicht zu erkennen. Nur vier Raucher, die es nach draußen in die Kälte verschlagen hat. Drinnen erwartet uns eine äußerst unbehagliche Leere.
Zu Beginn des Konzertes war der Raum in etwa zur Hälfte gefüllt. Ungeachtet dessen lieferte die Band eine wunderbare Show.
Leider hatte man das Gefühl, dass das Magdeburger Publikum nicht bereit für so viel Qualität war. Vor der Zugabe lichteten sich die Reihen – die Band nahm es mit Humor. Die verbliebenen Zuschauer tanzten ausgelassen zu den straken Drums und Gitarrensounds, begleitet von Keyboardklängen. Wikipedia beschreibt es als

Synthie Pop verträgt sich mit Gitarren-Indie-Rock

Obwohl vom früheren Produzenten der Strokes Gordon Raphael produziert und bereits in China, Bulgarien und weiß der Geier wo sonst noch überall aufgetreten, pflegt die Band einen engen Kontakt zu ihren Fans. Einem, der ihnen schon fast überall hin gefolgt ist, widmeten sie sogar ein Lied. Nach der Show konnte man die üblichen Merchandise Produkte kaufen und sich auf ein Pläuschchen zu den netten Musikern stellen.
„Kommt ruhig ein Stück näher, wir beißen nicht.“, sagte die Sängrin Ibadet Ramadani. Hinter ihr hing ein T-Shirt mit der Aufschrift des neuen Albums „lovebites„.

Wo die Magdeburger-Indie-Szene an diesem Abend abgeblieben war, ist mir ein Rätsel, aber ich habe dieses musikalische Erlebnis sehr genossen!

In einer bekannten, kritischen Webplattform™ bin ich auf ein Interview in der taz gestoßen, mit Dirk von Lowtzow, Sänger der allseits (aber nicht bei mir) beliebten Band Tocotronic, der sich über den Antisemitismus in Deutschland ereifern darf. Der junge Mann engagiert sich auf den „Aktionswochen gegen Antisemitismus“. Das ist alles gut und ehrbar. Allerdings besorgt mich etwas.

Dirk von Lowtzow bedient sich in dem Interview den klassischen Argumenten der Antideutschen. Diese Gruppe kennen zum Glück nicht viele, daher fasse ich kurz zusammen, worum es geht.

Antideutsche entstanden nach dem zweiten Weltkrieg aus verschiedenen Antifa-Bewegungen, die sicher einige kennen. Ihre Fixierung ist der Antisemitismus, den sie immer und überall sehen. Der deutsche Nationalismus besteht in ihren Augen immer noch, besonders nach der Wiedervereinigung meinen sie, ein stärkeres Nationalbewusstsein bei den Deutschen erkennen zu können. Der Staat Israel ist für Antideutsche das höchste Gut auf Erden, um jeden Preis muss man ihn schützen. Das nennt man „zionistischen kategorischen Imperativ“. Wer schon einmal auf einer Demo gegen Rechts war, dem sind vielleicht ein paar Israel-Flaggen aufgefallen. Das waren dann mit großer Wahrscheinlichkeit Antideutsche.

Sie sehen in den USA einen starken Verteidiger Israels gegen den „Islamfaschismus“, aber auch als „Erlöser“ Deutschlands und sind daher meist große Fans dieser Nation. Überhaupt sehen sie im Islam die momentan größte Gefahr für das Judentum und für Israel. Pazifismus und Antimilitarismus lehnen sie ab, denn dann kann man Israel ja nicht mehr verteidigen. Auf Demos verherrlichen sie oft „Bomber Harris“, also denjenigen, der Flächenbombardements auf deutsche Städte im zweiten Weltkrieg veranlasst hat.

Wirtschaftlich gesehen sind Antideutsche „neoliberal“, was auch damit zusammenhängen kann, dass sie den USA sehr nahe stehen. Die milde Form des Kapitalismus, die es in Deutschland (noch) gibt ist ihnen zu kollektivistisch. Kritisiert man bestimmte Auswüchste des Kapitalismus, so nennen sie das „verkürzte Kritik“, denn mit „Bankern“ und „Globalisierern“ sind in antisemitischer Geheimsprache immer die Juden gemeint. In Deutschland und Österreich gebe es eine bestimmte nationale Mentalität, die zum Holocaust geführt hat. Einige Antideutsche meinen, das sei erblich, andere sagen, dass es an den gesellschaftlichen Umständen liegt.  Man könnte also sagen, Antideutsche seien neokonservative Zionisten. Damit deckt man vieles ab. Wie diese ideologische Missbildung nun zustande kam, weiß niemand. Vermutlich gab es in den früheren K-Gruppen eine Wendung vom „Anti-alles“ zum „Pro-alles“. Antideutsche Zeitungen und Zeitschriften sind zum Beispiel: Bahamas, Konkret, (teilweise) Jungle World.

Nun kommen wir zum Interview. Jeder kennt nun die Hauptargumente. Der Sänger hat in jeder seiner Antworten ein solches parat:

Zumindest nehme ich seit der Wiedervereinigung ein Grundbedürfnis in Deutschland wahr, die Vergangenheit doch bitte ruhen zu lassen. Da wurde beispielsweise von Auschwitz als „Moralkeule“ gesprochen. Seit der Wiedervereinigung gibt es auch eine Art neues deutsches Selbstverständnis, ein gesteigertes Selbstbewusstsein – und zwar vom Stammtisch bis zum Bridgeklub. Schlicht und einfach: Dieses neue Selbstverständnis reicht bis tief hinein ins bürgerliche, sogar ins bildungsbürgerliche Lager. Und mit diesem neuen deutschen Selbstverständnis geht einher, dass auch der Antisemitismus teilweise wieder hoffähig geworden ist.

Das „neue deutsche Selbstbewusstsein“.

Antisemitismus vererbt sich. Das ist der Grund, warum er sich so hartnäckig hält. Bestimmte Ressentiments werden von Generation zu Generation weitergegeben. Vererbte Ressentiments aus der Nazizeit werden heute aber leider immer öfter offen verlautbart. Man hetzt nicht nur mehr hinter vorgehaltener Hand. Dieser neue Antisemitismus wird insbesondere bei der Kritik an Israel offenbar.

Antisemitismus ist erblich und werden seit der Nazizeit immer weiter gegeben. Hier liegt das krude Menschenbild der Antideutschen zugrunde, die von einem dümmlichen, alles unhinterfragt aufsaugenden Individuum ausgehen. Ob sie dabei von sich auf andere schließen, lasse ich mal offen. Ferner sieht er in der Kritik an Israel ein sicheres Zeichen für Antisemitismus. Auch hier nochmal:

Was hat Kritik an Israel mit Antisemitismus zu tun?

Genau das ist das Problem – da wird viel und wild durcheinandergemischt. Gerne auch als Tabubruch getarnt, vergleichbar mit dem Tabubruch gegen die sogenannte politische Korrektheit. Und es wird viel mit vermeintlichen Gleichsetzungen gearbeitet – in Wirklichkeit ist es oft blanker Antisemitismus, was getarnt als Israelkritik daherkommt.

Ob es nun Antisemitismus oder Israelkritik ist, entscheidet also wer? Ein Sänger einer mittelprächtigen Romantikpopband? Finde ich nicht.

Welche Rolle spielen linke Antisemiten dabei?

Sie finden sich speziell im antiimperialistischen Lager. Der Vorfall vom 25. Oktober in Hamburg, als eine Vorführung des Films „Warum Israel“ von Claude Lanzmann im B-Movie-Kino von antiimperialistischen Gruppen verhindert wurde, spricht Bände. Wobei man sagen muss, dass Antisemitismus zu einem Großteil in der politischen Rechten zu Hause ist – und leider vor allem auch in der bürgerlichen Mitte.

Der Vorwurf des Antisemitismus an das „antiimperialistische Lager“ ist bei Antideutschen völlig normal, denn diese sind das genaue Gegenteil von ihnen.

Das ganz alte Klischee vom „reichen Juden“ – glauben Sie, dass das noch aktuell ist?

Leider ja, verkürzte, opportunistische Kapitalismuskritik ist wieder in Mode. Und Verschwörungstheorien im Internet, wo die unqualifizierte Meinung ohnehin ihre größten Triumphe feiert. Also, im Netz findet man eine ganze Latte an Verschwörungstheorien. Auch die antisemitische. Und die ist wohl die Mutter aller Verschwörungstheorien.

Hier noch ein Statement zur „verkürzten Kapitalismuskritik“, es ist also so gut wie alles drin. Die Aufregung über „unqualifizierte Meinungen“ verstehe ich nicht. Aber ich lese ja auch nicht Bahamas und Jungle World. Die Frage ist jetzt eher: wie kam Dirk zu diesen Ansichten? Bekam er sie von einem Indoktrinationsbeauftragten der Antideutschen? Glaube ich nicht. Selbst in Berlin, wo diese Haltung salonfähig ist, gibt es solche Figuren nicht. Vermutlich will er sich wohl wirklich nur gegen Rassismus engagieren und ist irgendwo auf dem Weg über dieses Gedankengebäude gestolpert.

Oder er steht wirklich dahinter und sieht in den gut gemeinten Aktionswochen einen Multiplikator für seine Meinungen. Wer weiß. In jedem Fall würde ich den Lesern aber raten, aufzupassen, wessen Lied sie singen, wenn sie sich äußern. Genau wie der strengste Sozialist sich Argumenten bedienen kann, die von Nazis erdacht wurden, kann es einem kritischen Menschen durchaus passieren, dass er Antideutschen nach dem Mund redet. Das ist alles möglich. Nur, wenn man sich mit den ganzen Argumentationslinien und Gedankenkonstrukten auseinander setzt ist man ehrlich zu sich selbst. Und das war Dirk von Lowtzow ganz sicher nicht.

Besonders gut gebildete Menschen schauen manchmal „dem Volk aufs Maul“. Warum tun sie das? Dazu muss man sich fragen, wo diese Redewendung ihren Ursprung hat.

Der große Reformator Luther übersetzte die Bibel, in dem er den einfachen Leuten – die damals noch viel einfacher waren als heute – aufs Maul schaute. So brachte er es tatsächlich fertig, eine allgemein verständliche Volksbibel zu schreiben. Volksbibel ist hier natürlich im besten Sinne gemacht, denn das Druckerzeugnis „BILD“ brachte es tatsächlich fertig, die Heilige Schrift mit ihrem grässlichen Namen zu besudeln und in die Regale zu feuern und das unter dem selben Namen. Ironischerweise ist in diesem beinahe satanischen Werk zu erkennen, wie wenig im Hause Springer wirklich an das einfache Volk geglaubt wird. Die Volsbibel misst 29×22cm und ist daher zum lesen so gut geeignet, wie ein Traktor für Fernreisen. Nun denkt man sich: gut, stell ich sie mir ins Regal, sodass ich einmal im Monat aus versehen draufschaue und mich daran erfreue. Wer sich allerdings an einem „BILD“-Zeichen auf dem Buchrücken freuen kann, der wird zurecht ein guter, lebender Grund dafür sein, dass selbst der ausgemachteste Gutmensch die Hoffnung in den Mitmenschenerziehungswahn aufgibt, den diese Art Mensch oft hat. Ja, selbst Ströbele persönlich würde energisch mit dem Kopf schütteln, selbst wenn er es fahrradfahrend mitgeteilt bekommt und in kauf nehmen muss, mit dem Fahrrad Schlangenlinien zu fahren. Achja: bebildert ist sie auch noch. Und man kann eine Familienchronik reinschreiben. Ich weigere mich an dieser Stelle, meine Meinung über die jenigen zu äußern, die Familienchroniken in BILD-Bibeln schreiben. Ich sage nur so viel: Schlangenlinien reichen da nicht mehr aus.

Genug der Worte zur Bibel. Ich glaube nicht wirklich an Gott, daher möchte ich es der Christenheit überlassen, welchen Verlag sie zugestehen, die heilige Schrift abzudrucken. Eigentlich wollte ich nämlich über die Menschen schreiben, deren Bücherregale chronisch unbefüllt sind oder zumindest missbraucht werden und DVDs, Kerzen und Aschenbecher enthalten – dem einfachen Volk. Halt, sagt man jetzt: das ist ein Klischee, total verkürzt und unkorrekt. Und ich muss sagen: schon gut, unbekannter Leser, du hast recht. Ich hatte nämlich bereits die Gelegenheit, neun Monate lang Volksmaulschau zu betreiben. Während ich nämlich als staatlicher Zwangsdiener Herzkranken ihr Essen brachte, arbeitete ich mit Leuten zusammen, die an Primitivität teils nur schwer zu übertreffen waren. Als Neuling fiel es mir sehr schwer, Menschen, deren Humor sich auf Körpergeräusche und Frauenverachtendes, deren Lektüre sich auf die bereits erwähnte Boulevardzeitung und deren Sprachgebrauch auf Grundschülervokabular beschränkt zuzutrauen, nebenher überhaupt noch Ressourcen für gesellschaftliches Interesse übrig zu haben. Das war aber nur teilweise der Fall. Überrascht wurde ich mehrmals besonders bei Gesprächen, in denen es mir gelang, thematisch von den Brüsten der Feldbusch auf die Tagespolitik zu wechseln. Ich weise vorsorglich darauf hin, dass mein Arbeitsplatz sich im tiefsten Westdeutschland befindet, bevor irgendein dahergelaufener liberaler Emporkömmling altklugen Unrat über „Ostalgie“ daherwinselt. Das, was jetzt kommt, ist für dieses Klientel nämlich nur schwer zu verkraften. Jedem, der sich den Titel „Neoliberaler“ gefallen lässt, sollte jetzt den Mund leeren, sich setzen und durchatmen.

Das, was Marx „Klassenbewusstsein“ nannte, gibt es nämlich wirklich. Selbst die ungebildetsten und einfachsten Menschen haben detaillierte und differenzierte Vorstellungen über ihre Interessen. Vom untersten Arbeiter bis zum aufstrebenden Abteilungsleiter hatte ich also nun die Gelegenheit, gesprächsführenderweise Feldforschung zu betreiben. Sicher, das ist nur ein kleiner Ausschnitt, aber mit Stichproben fängt man an und schließt dann auf die Grundgesamtheit. Wie ich erwartet hatte, waren die besonders schlecht gestellten das, was man landläufig als „Sozialisten“ bezeichnet. Das Mitglied der Abteilung aber, das die stärksten Ambitionen hatte, den psychisch doch recht angeschlagenen Abteilungsleiter zu ersetzen, entwickelte plötzlich schwarzgelben Leistungsträgerehrgeiz. Ich war enttäuscht und suchte nach Erklärungen. Zwei Theorien habe ich: entweder verändern Menschen ihre Ansichten passend zum erwarteten gesellschaftlichen Status oder ihr momentaner Status sorgt für ihre Ansichten, ohne dass sie sie bewusst verändern müssten. Ob es da schon Theorien gibt, weiß ich nicht. Aber ich weiß, welche von beiden mir besser gefällt, nämlich die zweite. Wahrscheinlicher ist natürlich die Erste. Da ich die Ansicht, dass alle Menschen von Natur aus „gut“ seien, innerlich längst überwunden habe, glaube ich, sie sind von Natur aus indifferent. Das heißt auf Volksmauldeutsch: erst kommt das Fressen, dann die Moral. Welche von beiden Theorien aber nun stimmt, das werde ich in der Reihenfolge: recherchieren, der aktuellen Forschergeneration überlassen oder selbst erforschen.

Happy Toast by seventh.samurai / Priscilla

Happy Toast by seventh.samurai / Priscilla

Der stille deutsche Patriotismus äußert sich nicht so, wie man es von großspurigen Auftritten so genannter „Rechtsdemokraten“ gewohnt ist. Er ist für gewöhnlich so still, dass man ihn nicht als solchen erkennt. Er ist meist sogar komplett passiv. Als Deutscher im Ausland wartet man zunächst mal darauf, als solcher erkannt zu werden. Das soll bloß nicht von einem ebenfalls deutschen Touristen bewerkstelligt werden, denn man ist ja am Blick des Auslands aufs Eigene interessiert.
Als ich also mit meiner geliebten Reisepartnerin in Stockholm von einem Amerikaner „entdeckt“ wurde, freute ich mich schon auf das, was da kommen würde. Und wie es kam! Im Ausland ist das deutsch, was technisch ist. „You have a lot of technology there“ ist wohl der häufigste Satz, gleich darauf folgte in meinem Fall verwunderlicherweise „your trains are great“. Ja, als Amerikaner ist man Geschosse wie den ICE nicht gewohnt, doch als Deutscher könnte einem nichts ferner liegen, als seinen „trains“ das Adjektiv „great“ zu geben. An dieser Stelle oute ich mich als Vielfahrer und zähle auf, was an der deutschen Bahn nicht großartig ist: die Preise, die Firmenstrategie, die Anbindung mancher Bahnhöfe. Das Weihnachtsgeschenk der Bahn an die Deutschen sind immer erhöhte Preise. Natürlich begründet der Konzern das immer fein säuberlich, die Rohstoffpreise seien gestiegen und die Inflation und die Löhne und und und. Doch ich wage zu behaupten, dass selbst wenn das Zeitalter käme, in dem die Bahn Schienen aus massivem Gold verlegen und das aus der Portokasse zahlen kann, noch die Preise erhöht werden. Es würde sonst einfach etwas fehlen.
Ich will jetzt aber gar nicht weiter mäkeln, denn ich bin nicht der, der auf Sozialtickets angewiesen wäre und ich habe die Hoffnung, dass man die Zeichen der Zeit bald erkennt und die Bahn wieder dem Verkehrsminister unterstellt. Was nämlich in den Fernverkehrszügen der Bahn geschieht ist zum Kopfschütteln. Man war die letzten Jahre bemüht darum, das Bahnfahren elitärer aussehen zu lassen. Es gab mal eine Werbeoffensive für Fahrten mit der ersten Klasse. Man kann sich in den Bordrestaurants – wenn sie denn offen haben! – edelste Speisen servieren lassen, das heißt: mittelmäßige Speisen, die auf edlen Rezepten honoriger Spitzenköche aus allen Ecken Europas basieren und völlig überteuert sind. Freundliches Personal hat die Bahn, da muss ich mich gegen den Trend stellen, der ja so aussieht, dass man sich ständig über muffige und unfreundliche Angestellte beschwert. Doch diese Beschwerden sind in Bordrestaurants meist berechtigt. In einem völlig überfüllten ICE war ich mal gezwungen, mich in einem solchen niederzulassen. Dort traf ich auf viele interessante Persönlichkeiten, mit denen ich lehrreiche Gespräche führte. Doch auch einen „Restaurantchef“, der einer verzweifelten Mutter, die nach heißem Wasser für irgendwelche Babynahrung suchte, doch tatsächlich einen Euro abzuknöpfen die Frechheit hatte. Als meine Tischgenossen davon Wind bekamen, brodelte es gehörig im Kessel der Passagiere. Da sitzt – nein, steht man schon in einem völlig überfüllten Zug, hat eventuell noch mit einem „Upgrade“ auf die erste Klasse versucht, dem Pöbel aus dem Weg zu gehen und muss sich dann noch die Gegenwart knauseriger, alter Wurstverkäufer gefallen lassen, die die Not junger Mütter ausnutzen.
Ich glaube nicht daran, dass jedes Herz „eine revolutionäre Zelle“ ist. Das ist halbseidene Dichtung irgendwelcher selbsternannten Umstürzler. Revolutionäre Zellen sind heute die Zugabteile und Bordrestaurants. Denn man braucht mehr als ein Herz für die Überwindung eines ungerechten Systems. Man braucht eine gehörige Portion Unzufriedenheit. Und wo sonst findet man die in so reiner Form wie bei der Bahn? Da müsste man nur ein paar junge Leute mit Ideen und Dauerfahrscheinen ausstatten, schon hätte man eine Revolution im Gange, davon hätte der Dutschke geträumt.
Während ich dies schreibe sitze ich auf einem „bahn.comfort“-Platz. Noch so ein Versuch, die Elitenbahn zu konstruieren und genau so absurd wie das Konstrukt selbst. Wer nämlich genug Punkte gesammelt hat, der hat das Recht, sich auf diese Plätze zu setzen. Als „normaler“ Mitfahrer hat man natürlich auch das Recht, muss aber dem Punktebaron Platz machen, der auf dieses Recht pocht. Ich bin übrigens kein „bahn.comfort“-Kunde und werde mich keinen Zentimeter bewegen, bis ein höherer Beamter der Bundespolizei mir eine Haftstrafe androht. Dann setze ich mich einen Platz weiter und mache das, was nervige Mitreisende am besten können: ich telefoniere so laut mit dem Handy, dass die ohnehin schon wackeligen Kofferablagen zittern. Ich esse Brote, die mit etwas belegt sind, dessen Geruch an ein totes, verschwitztes Pferd erinnert und schmatze dabei, beziehungsweise grunze, weil ich den Mund viel zu voll genommen habe. Ich atme im Minutentakt lautstark aus, weil mich irgendetwas bedrückt oder die Luft zu schlecht ist. Ich betrinke mich im Bordrestaurant und gröhle dann Fußballlieder durchs Abteil. Und wenn das alles nichts hilft, greife ich zum letzten Strohhalm und stelle die Lehne meines Sitzes zurück. Das fassen nämlich die meisten Mitreisenden als Sakrileg auf. Man sieht also: die Revolution im Zug scheitert wie jede andere auch an der mangelnden Solidarität.
Was mein kleiner Exkurs in das Reich der Schienen hoffentlich auch gezeigt hat: Bahn fahren ist nicht elitär. Wer das behauptet, hat zu viele Western gesehen, in denen irgendwelche Ölmagnate einen eigenen Wagen an die Dampflog hängen, in dem dann Billard gespielt und Single Malt getrunken wird. Es ist sogar so unelitär, dass aufstrebende Mittelständler es in der Gesellschaft feinerer Leute verschweigen, wenn sie dieses überaus bequeme, schnelle und umweltschonende Vekehrsmedium genutzt haben, um Verwandte zu besuchen. Im heutigen Verständnis der „Elite“ hat Kollektivistisches keinen Platz, da ist jeder selbst für den Transport seines Wohlstandshinterns verantwortlich. Das hätte mir der Amerikaner am Anfang der Geschichte wohl auch erzählt, denn die haben das „jeder für sich, alle gegeneinander“ als Gesellschaftsentwurf ja nunmal erfunden. Doch immer wenn ich aus dem Fenster des Zuges schaue und von weitem einen kilometerlangen Stau sehe, dann bin ich froh, dass mir das erspart bleibt.
Denn in der Blechlawine steckt sicherlich der eine oder andere Porsche oder Bentley, deren Besitzer sich nun im Stillen oder zumindest alleine aufregen müssen und deren einziger Trost in diesen Momenten ironischerweise ist, dass sie nicht mit der Bahn fahren müssen.

Der stille deutsche Patriotismus äußert sich nicht so, wie man es von großspurigen Auftritten so genannter „Rechtsdemokraten“ gewohnt ist. Er ist für gewöhnlich so still, dass man ihn nicht als solchen erkennt. Er ist meist sogar komplett passiv. Als Deutscher im Ausland wartet man zunächst mal darauf, als solcher erkannt zu werden. Das soll bloß nicht von einem ebenfalls deutschen Touristen bewerkstelligt werden, denn man ist ja am Blick des Auslands aufs Eigene interessiert.

Als ich also mit meiner geliebten Reisepartnerin in Stockholm von einem Amerikaner „entdeckt“ wurde, freute ich mich schon auf das, was da kommen würde. Und wie es kam! Im Ausland ist das deutsch, was technisch ist. „You have a lot of technology there“ ist wohl der häufigste Satz, gleich darauf folgte in meinem Fall verwunderlicherweise „your trains are great“. Ja, als Amerikaner ist man Geschosse wie den ICE nicht gewohnt, doch als Deutscher könnte einem nichts ferner liegen, als seinen „trains“ das Adjektiv „great“ zu geben. An dieser Stelle oute ich mich als Vielfahrer und zähle auf, was an der deutschen Bahn nicht großartig ist: die Preise, die Firmenstrategie, die Anbindung mancher Bahnhöfe. Das Weihnachtsgeschenk der Bahn an die Deutschen sind immer erhöhte Preise. Natürlich begründet der Konzern das immer fein säuberlich, die Rohstoffpreise seien gestiegen und die Inflation und die Löhne und und und. Doch ich wage zu behaupten, dass selbst wenn das Zeitalter käme, in dem die Bahn Schienen aus massivem Gold verlegen und das aus der Portokasse zahlen kann, noch die Preise erhöht werden. Es würde sonst einfach etwas fehlen.

Ich will jetzt aber gar nicht weiter mäkeln, denn ich bin nicht der, der auf Sozialtickets angewiesen wäre und ich habe die Hoffnung, dass man die Zeichen der Zeit bald erkennt und die Bahn wieder dem Verkehrsminister unterstellt. Was nämlich in den Fernverkehrszügen der Bahn geschieht ist zum Kopfschütteln. Man war die letzten Jahre bemüht darum, das Bahnfahren elitärer aussehen zu lassen. Es gab mal eine Werbeoffensive für Fahrten mit der ersten Klasse. Man kann sich in den Bordrestaurants – wenn sie denn offen haben! – edelste Speisen servieren lassen, das heißt: mittelmäßige Speisen, die auf edlen Rezepten honoriger Spitzenköche aus allen Ecken Europas basieren und völlig überteuert sind. Freundliches Personal hat die Bahn, da muss ich mich gegen den Trend stellen, der ja so aussieht, dass man sich ständig über muffige und unfreundliche Angestellte beschwert. Doch diese Beschwerden sind in Bordrestaurants meist berechtigt. In einem völlig überfüllten ICE war ich mal gezwungen, mich in einem solchen niederzulassen. Dort traf ich auf viele interessante Persönlichkeiten, mit denen ich lehrreiche Gespräche führte. Doch auch einen „Restaurantchef“, der einer verzweifelten Mutter, die nach heißem Wasser für irgendwelche Babynahrung suchte, doch tatsächlich einen Euro abzuknöpfen die Frechheit hatte. Als meine Tischgenossen davon Wind bekamen, brodelte es gehörig im Kessel der Passagiere. Da sitzt – nein, steht man schon in einem völlig überfüllten Zug, hat eventuell noch mit einem „Upgrade“ auf die erste Klasse versucht, dem Pöbel aus dem Weg zu gehen und muss sich dann noch die Gegenwart knauseriger, alter Wurstverkäufer gefallen lassen, die die Not junger Mütter ausnutzen.

Ich glaube nicht daran, dass jedes Herz „eine revolutionäre Zelle“ ist. Das ist halbseidene Dichtung irgendwelcher selbsternannten Umstürzler. Revolutionäre Zellen sind heute die Zugabteile und Bordrestaurants. Denn man braucht mehr als ein Herz für die Überwindung eines ungerechten Systems. Man braucht eine gehörige Portion Unzufriedenheit. Und wo sonst findet man die in so reiner Form wie bei der Bahn? Da müsste man nur ein paar junge Leute mit Ideen und Dauerfahrscheinen ausstatten, schon hätte man eine Revolution im Gange, davon hätte der Dutschke geträumt.

Während ich dies schreibe sitze ich auf einem „bahn.comfort“-Platz. Noch so ein Versuch, die Elitenbahn zu konstruieren und genau so absurd wie das Konstrukt selbst. Wer nämlich genug Punkte gesammelt hat, der hat das Recht, sich auf diese Plätze zu setzen. Als „normaler“ Mitfahrer hat man natürlich auch das Recht, muss aber dem Punktebaron Platz machen, der auf dieses Recht pocht. Ich bin übrigens kein „bahn.comfort“-Kunde und werde mich keinen Zentimeter bewegen, bis ein höherer Beamter der Bundespolizei mir eine Haftstrafe androht. Dann setze ich mich einen Platz weiter und mache das, was nervige Mitreisende am besten können: ich telefoniere so laut mit dem Handy, dass die ohnehin schon wackeligen Kofferablagen zittern. Ich esse Brote, die mit etwas belegt sind, dessen Geruch an ein totes, verschwitztes Pferd erinnert und schmatze dabei, beziehungsweise grunze, weil ich den Mund viel zu voll genommen habe. Ich atme im Minutentakt lautstark aus, weil mich irgendetwas bedrückt oder die Luft zu schlecht ist. Ich betrinke mich im Bordrestaurant und gröhle dann Fußballlieder durchs Abteil. Und wenn das alles nichts hilft, greife ich zum letzten Strohhalm und stelle die Lehne meines Sitzes zurück. Das fassen nämlich die meisten Mitreisenden als Sakrileg auf. Man sieht also: die Revolution im Zug scheitert wie jede andere auch an der mangelnden Solidarität.

Was mein kleiner Exkurs in das Reich der Schienen hoffentlich auch gezeigt hat: Bahn fahren ist nicht elitär. Wer das behauptet, hat zu viele Western gesehen, in denen irgendwelche Ölmagnate einen eigenen Wagen an die Dampflog hängen, in dem dann Billard gespielt und Single Malt getrunken wird. Es ist sogar so unelitär, dass aufstrebende Mittelständler es in der Gesellschaft feinerer Leute verschweigen, wenn sie dieses überaus bequeme, schnelle und umweltschonende Vekehrsmedium genutzt haben, um Verwandte zu besuchen. Im heutigen Verständnis der „Elite“ hat Kollektivistisches keinen Platz, da ist jeder selbst für den Transport seines Wohlstandshinterns verantwortlich. Das hätte mir der Amerikaner am Anfang der Geschichte wohl auch erzählt, denn die haben das „jeder für sich, alle gegeneinander“ als Gesellschaftsentwurf ja nunmal erfunden. Doch immer wenn ich aus dem Fenster des Zuges schaue und von weitem einen kilometerlangen Stau sehe, dann bin ich froh, dass mir das erspart bleibt.

Denn in der Blechlawine steckt sicherlich der eine oder andere Porsche oder Bentley, deren Besitzer sich nun im Stillen oder zumindest alleine aufregen müssen und deren einziger Trost in diesen Momenten ironischerweise ist, dass sie nicht mit der Bahn fahren müssen.

by Kelley Smith

by Kelley Smith

Der Kaffee schmeckt nicht, die Luft ist warm und drückt auf meinen Kopf. Meine Glieder schmerzen und ein erleichterndes Strecken knackt und ist kurz davor alles nur noch schlimmer zu machen. Schon als ich aus meinem schmierigen Bett aufstand, klebte alles an mir und ein süßlicher Geruch lag in der Luft, der einem das Atmen schwer machte. Sauerstoff los und halb im gehen schlafend, hoffte ich, durch eine kalte Dusche aus meinem wachkomatösen Zustand befreit zu werden. Fehlanzeige. Auch der dritte Kaffee lässt keine Besserung hoffen und vermutlich werde ich gleich in der Butter auf dem Küchentisch weiterschlafen. Ein narkoleptischer Zusammenbruch könnte mich jede Sekunde erreichen, ich hab das im Gefühl. Wäre sicherlich vernünftiger, auf die Schokopops zu verzichten, denn wer will schon gerne am Frühstückstisch in einer Schüssel Milch ertrinken, aber was anderes bekomm ich noch nicht runter. Meine Lieder schließen sich bei jedem Bissen, doch mein Kopf bleibt oben auf. Es wird ein anstrengender Tag. Gedankenverloren starre ich auf die Küchenuhr. Tick , Pause, Pause – Tick, Pause, Pause  – Tick, Pause, Pause. Die Zeit scheint heute eindeutig langsamer zu vergehen als an anderen Tagen. Ich überlege, ob ich mich der langsamen Zeit angepasst habe, oder ob ich für andere Menschen jetzt doppelt so schnell geworden bin, oder normalschnell, da meine Aktivität heute Morgen noch sehr eingeschränkt ist. Mein Telefon klingelt. Ich versuch langsam zu reden, da ich davon ausgehe schneller als die anderen Menschen zu sein.

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Als ich einmal durch meine Heimatstadt ging, was gut zur Hälfte bedeutet: man geht durch das Kaufhaus der traditionsreichen Familie Hagemeyer, kam ich dort zwei älteren Herren entgegen, von denen der eine mir indirekt Unglaubliches an den Kopf warf. Es geschah in einer Herrenabteilung, wo es vielleicht nicht komplett fehl am Platze ist, sich über Körperbau und Auftreten von Geschlechtsgenossen zu ereifern. Dann aber bitte mit Diskretion. Wenn man schon die kühne Phrase des einen Herren, die lautete: „der Kerl da wiederholt sich ja auch bald“, mit einem bestätigenden Brummen quittiert, dann kann man das doch wenigstens hinter vorgezogenem Umkleidekabinenvorhang oder wenigstens vorgehaltener Hand tun. Weit gefehlt. Es geschah unüberhörbar. Zu gerne hätte ich den beiden kühndreisten Provokateuren Paroli geboten, nur befand ich mich im Gegensatz zu meiner letzten Erzählung in einer Phase körperlicher Unsicherheit, die Menschen, die Modeausdrücke lieben, „Teen Angst“ nennen.
Gemeint ist ein Becken an Emotionen, mit denen das noch unreife Ich nicht fertig wird und daher in der Ecke kauert, statt aufrecht zu stehen und auf das alltägliche Schlachtfeld zu preschen. Da dies ein Modebegriff ist, den der Sumpf aus Musikproduzenten und Filmemachern aus sich herausgewrungen hat, aus dem sich der Wortschatz derer speist, die ihren Selbstwert allein davon abhängig machen, bei wie vielen Mitgliedern lokaler Rockbands sie schon abgehangen haben, wurde er vertont, verfilmt und wanderte, wie das dann eben so ist, direkt in den zeitgenössischen Wortschatz derer, die wiederum solche Leute bewundern. Man erkennt: Modewörter folgen dem Pferdeäpfelprinzip. Sie fallen vom hohen Ross ganz nach unten durch, wo sie dann aber immer noch von einigen Wesen verwertet werden. Da ich den besagten Begriff gerade selbst benutzt habe, werden jetzt sicherlich die üblichen selbsternannten Universalkritiker laut und wollen, dass ich mich dafür rechtfertige oder wenigstens Stellung beziehe. Vielleicht werde ich das auch noch.
Der Kommentar der beiden Spötter stand jedenfalls im Raum. Das Bild, das zeigt wie es aussieht, wenn sich ein Mensch „wiederholt“, will meiner Phantasie bis heute nicht glücken.
Wie es *klingt*, wenn sich jemand wiederholt, sollte aber klar sein, denn wir haben Wahlkampf und das bedeutet heutzutage: wiederholen langweiliger Gemeinplätze. Um nicht auch noch die Leser zu verlieren, die trotz des unbeliebten Themas noch durchhalten, obwohl sie davon nichts wissen wollen, kommt gleich die nächste Geschichte aus meiner Jugend. Früher haben sich nämlich CDU und SPD noch voneinander unterschieden. Als ich Grundschüler war, machte die SPD Wahlkampf in meinem Heimatdorf. Damit meine ich nicht: sie hängt Plakate an Straßenlaternen, die dann runterfallen und im Regen matschig werden. Man denke sich nur spaßeshalber folgende Szene: um 8 Uhr morgens standen SPD-Anhänger an der Haltestelle, wo der Schulbus uns Grundschüler aufsammelte. Sie verteilten umsonst Aufkleber, Wimpel, Kappen und ja, wenn ich mich nicht irre auch diese Leuchtbären, die sicherheitsbewusste Eltern ihren Sprösslingen ohnehin schon an den Ranzen knoteten, damit auf dem Nachhauseweg selbst auf unbeleuchteten, bürgersteiglosen, durch unbewohnte Gegenden verlaufenden Hohlwegen keine Autos drüberfuhren, wenn dieser von einem Kind getragen wurde. Nein, überfahren wurden wir gewiss nicht! Ausgestattet mit SPD-Material zogen sie so in die Schule, wo ganz schnell die anderen Kinder kamen und meinten, die CDU sei ja wohl viel besser. Die Debatte bewegte sich noch unter der ewigen Streitfrage: Bayern oder Dortmund. Trotzdem gestalteten Abweichler unter uns ihre Kappen um, in dem sie auf die Unterseite des Schirms mit schwarzem „Filzer“ in schönster Kinderschreibschrift „CDU“ malten. Man stelle sich mal das Getöse vor, wenn Kinder in dem Alter mit Material der Piratenpartei ausgestattet werden. Eine völlig neue Generation politisierter Dreikäsehochs würde unerwartet die Gesellschaft umkrempeln, sagen jetzt vielleicht ein paar Idealisten. Dass das aber nie so kommen wird, sollte auf der Hand liegen, denn von der Piratenpartei gibt es weder Sammelkarten, noch Fernsehsendungen und mindestens minderwertiges Spielzeug in Überraschungseiern, besser noch in „Happy Meals“ muss es ja wohl geben, damit man zum Tagesgespräch bei Grundschülern wird. Früher hießen diese ernährungswissenschaftlich fragwürdigen Mahlzeiten „Juniortüte“ und waren unausweichlich ungesund: man konnte die Pommes noch nicht durch Bio-Karottensticks ersetzen.
Wer in Zukunft einen Jugendlichen mit „teen angst“-Symptomen in einer Schnellrestaurantfiliale beobachtet, wie er gesenkten Hauptes und mit einer Hand die Haare vom Gesicht weghaltend einen Burger konsumiert, der sollte sich hüten, sein Erscheinungsbild lautstark zu kommentieren. „Warum nicht?“, fragt manch einer sich leichtsinnig. Sollte jemand zur Bitte, unsichere Teenager nicht öffentlich zu verhöhnen, tatsächlich eine Begründung brauchen, so wünsche ich ihm ebenfalls eine Wiederholung, nämlich die seiner eigenen Pubertät.

Als ich einmal durch meine Heimatstadt ging, was gut zur Hälfte bedeutet: man geht durch das Kaufhaus der traditionsreichen Familie Hagemeyer, kam ich dort zwei älteren Herren entgegen, von denen der eine mir indirekt Unglaubliches an den Kopf warf. Es geschah in einer Herrenabteilung, wo es vielleicht nicht komplett fehl am Platze ist, sich über Körperbau und Auftreten von Geschlechtsgenossen zu ereifern. Dann aber bitte mit Diskretion. Wenn man schon die kühne Phrase des einen Herren, die lautete: „der Kerl da wiederholt sich ja auch bald“, mit einem bestätigenden Brummen quittiert, dann kann man das doch wenigstens hinter vorgezogenem Umkleidekabinenvorhang oder wenigstens vorgehaltener Hand tun. Es geschah aber unüberhörbar. Zu gerne hätte ich den beiden kühndreisten Provokateuren Paroli geboten, nur befand ich mich im Gegensatz zu meiner letzten Erzählung in einer Phase allgemeiner Unsicherheit, die Menschen, die Modeausdrücke lieben, „Teen Angst“ nennen.

Gemeint ist ein Becken an Emotionen, mit denen das noch unreife Ich nicht fertig wird und daher in der Ecke kauert, statt aufrecht zu stehen und auf das alltägliche Schlachtfeld zu preschen. Da dies ein Modebegriff ist, den der Sumpf aus Musikproduzenten und Filmemachern aus sich herausgewrungen hat, aus dem sich der Wortschatz derer speist, die ihren Selbstwert allein davon abhängig machen, bei wie vielen Mitgliedern lokaler Rockbands sie schon abgehangen haben, wurde er vertont, verfilmt und wanderte, wie das dann eben so ist, direkt in den zeitgenössischen Wortschatz derer, die wiederum solche Leute bewundern. Man erkennt: Modewörter folgen dem Pferdeäpfelprinzip. Sie fallen vom hohen Ross ganz nach unten durch, wo sie dann aber immer noch von einigen Wesen verwertet werden. Da ich den besagten Begriff gerade selbst benutzt habe, werden jetzt sicherlich die üblichen selbsternannten Universalkritiker laut und wollen, dass ich mich dafür rechtfertige oder wenigstens Stellung beziehe. Vielleicht werde ich das auch noch. Der Kommentar der beiden Spötter stand jedenfalls im Raum. Das Bild, das zeigt wie es aussieht, wenn sich ein Mensch „wiederholt“, will meiner Phantasie bis heute nicht glücken.

Wie es klingt, wenn sich jemand wiederholt, sollte aber klar sein, denn wir haben Wahlkampf und das bedeutet heutzutage: wiederholen langweiliger Gemeinplätze. Um nicht auch noch die Leser zu verlieren, die trotz des unbeliebten Themas noch durchhalten, obwohl sie davon nichts wissen wollen, kommt gleich die nächste Geschichte aus meiner Jugend. Früher haben sich nämlich CDU und SPD noch voneinander unterschieden. Als ich Grundschüler war, machte die SPD Wahlkampf in meinem Heimatdorf. Damit meine ich nicht: sie hängt Plakate an Straßenlaternen, die dann runterfallen und im Regen matschig werden. Man denke sich nur spaßeshalber folgende Szene: um 8 Uhr morgens standen SPD-Anhänger an der Haltestelle, wo der Schulbus uns Grundschüler aufsammelte. Sie verteilten umsonst Aufkleber, Wimpel, Kappen und ja, wenn ich mich nicht irre auch diese Leuchtbären, die sicherheitsbewusste Eltern ihren Sprösslingen ohnehin schon an den Ranzen knoteten, damit auf dem Nachhauseweg selbst auf unbeleuchteten, bürgersteiglosen, durch unbewohnte Gegenden verlaufenden Hohlwegen keine Autos drüberfuhren, wenn dieser von einem Kind getragen wurde. Nein, überfahren wurden wir gewiss nicht! Ausgestattet mit SPD-Material zogen sie so in die Schule, wo ganz schnell die anderen Kinder kamen und meinten, die CDU sei ja wohl viel besser. Die Debatte bewegte sich noch unter der ewigen Streitfrage: Bayern oder Dortmund. Trotzdem gestalteten Abweichler unter uns ihre Kappen um, in dem sie auf die Unterseite des Schirms mit schwarzem „Filzer“ in schönster Kinderschreibschrift „CDU“ malten. Man stelle sich mal das Getöse vor, wenn Kinder in dem Alter mit Material der Piratenpartei ausgestattet werden. Eine völlig neue Generation politisierter Dreikäsehochs würde unerwartet die Gesellschaft umkrempeln, sagen jetzt vielleicht ein paar Idealisten. Dass das aber nie so kommen wird, sollte auf der Hand liegen, denn von der Piratenpartei gibt es weder Sammelkarten, noch Fernsehsendungen und mindestens minderwertiges Spielzeug in Überraschungseiern, besser noch in „Happy Meals“ muss es ja wohl geben, damit man zum Tagesgespräch bei Grundschülern wird. Früher hießen diese ernährungswissenschaftlich fragwürdigen Mahlzeiten „Juniortüte“ und waren unausweichlich ungesund: man konnte die Pommes noch nicht durch Bio-Karottensticks ersetzen.

Wer in Zukunft einen Jugendlichen mit „teen angst“-Symptomen in einer Schnellrestaurantfiliale beobachtet, wie er gesenkten Hauptes und mit einer Hand die Haare vom Gesicht weghaltend einen Burger konsumiert, der sollte sich hüten, sein Erscheinungsbild lautstark zu kommentieren. „Warum nicht?“, fragt manch einer jetzt leichtsinnig. Sollte jemand zur Bitte, unsichere Teenager nicht öffentlich zu verhöhnen, tatsächlich eine Begründung brauchen, so wünsche ich ihm, dass sich auch bei ihm eine Wiederholung entwickeln möge, nämlich die seiner Pubertät

Als ich noch jung war, also zwischen elf und dreizehn, wurde in meiner Familie noch viel Wert darauf gelegt, mich mit allerlei Kram zu beschenken, der eine den Unterhaltungswert betreffend sehr kurze Halbwertszeit hat. Man wusste wohl, dass ich mich auf der Schwelle zwischen zwei Entwicklungsstufen junger Menschen befand, die sich sehr unterschieden. Unterschiedlich waren auch die Ansichten meiner Verwandten, was die Einschätzung meiner Entwicklung anging. Die einen zählten mich noch zu den Kindern, die anderen schon zu den Erwachsenen. Während letztere mir langweilige und handwerklich durchaus optimierbare Jugendkrimis zueigneten, bekam ich von den anderen Spielzeug. An zwei Höhepunkte des Beschenktwerdens erinnere mich noch heute.

Das erste: russische Märchenvideos. Schon mit elf Jahren wusste ich: da wurde versucht, aus wenig Geld viele Effekte zu zaubern. Die Soundeffekte waren handgemacht, aber nicht auf die Weise, wie früher in Hollywood, sondern noch dilettantischer. Als nämlich der Prinz versuchte, mit Pfeil und Bogen einen Bären zu erlegen, war beim Abschuss ein Ton zu vernehmen, den man sich so vorstellen muss: ein bemitleidenswerter sowjetischer Tontechniker bedient eine Maultrommel, hat aber Asthma. Die Handlung war immer dermaßen simpel, dass sie auch in einen fünfminütigen Lehrfilm über Bescheidenheit, Aufrichtigkeit oder, wie in „Väterchen Frost“ auch über das Ertragen unverschämt niedriger Temperaturen hätte pressen können. So wähnte ich mich schon sehr früh in der Rolle des Filmkritikers und habe vermutlich genau deswegen so wenig Ahnung von Filmen: ich hatte es mit meiner Kritik viel zu einfach. Bedeutende Filmkritiker hatten sicher Eltern, die sie mit ins Kino nahmen, und damit meine ich anspruchsvolle Vorführungen von Chevalier oder Godard. Heute können sie dann darüber zetern, dass kein heutiger Film mehr an diese Goldstücke herankommt. Das stimmt natürlich nicht. Ein berühmtes Zitat von Godard lautet: „Um einen Film zu machen genügen eine Waffe und ein Mädchen“. Das genügte auch James Bond, wobei man hier vielleicht von einer gewissen Entwicklung sprechen kann und der Ausspruch heute heißen müsste: „Um einen Film zu machen, genügt ein Arsenal physikalisch zweifelhafter Wunderwaffen und drei bis zwölf Mädchen“.

Doch ich habe wie gesagt keine großen Kenntnisse über Filmemacherei und möchte es dabei belassen, damit ich zum zweiten unvergesslichen Geschenk kommen kann, das mir gemacht wurde: dem Shamp. Der Shamp war vergleichbar mit dem Markengerät „Game Boy“, doch mit nur einem Spiel, das dem altbekannten Tetris verdächtig ähnelte. Das tolle war aber, dass ich gleich zwei geschenkt bekam, die sich über eine Art Kopfhörerkabel verbinden ließen, wodurch man im Klötze stapeln gegeneinander antreten konnte. Spielen wollte mit mir aber niemand. Das kann ich verstehen, denn das Gerät war auf dem technischen Stand der 80er Jahre und die Investition von schätzungsweise zehn Mark nicht wert. Ich verfügte aber dennoch über das zweiseitige Kopfhörerkabel und meine Eltern über einige Geräte mit Kopfhörerausgang. Ich konnte also wundersamerweise gegen Stereoanlagen, Walkmans und Kofferradios antreten, sofern ich vorher auf „play“ drückte und sie irgendetwas abspielten. In einem großen Turnier kämpfte ich erfolgreich gegen die Denon-Anlage meines Vaters, um im Halbfinale gegen den Walkman zu verlieren, der Phil Collins spielte. Ich geriet ins rasen und der Shamp war mein Opfer. Das war gut so, denn irgendwann setzte dann auch die Pubertät ein und ich hatte andere Sorgen, die ich hier nicht näher besprechen will.

Sowohl Videos als auch der Shamp wurden vermutlich in Ländern produziert, in denen auf billige Unterhaltung für Heranwachsende wenig Wert gelegt wird. Russland gehörte damals dazu, denn unter Jelzin hatten die Leute schwer zu kauen, was nicht heißen soll, dass ich dieses Land gering schätze. Sicher, einige Leute dort haben Ansichten, die bei uns seit Ende der Sechzigerjahre als obsolet gelten, aber das ist auch noch nicht allzu lange her. In Deutschland hatten wir lediglich das Glück, dass es damals in den USA noch progressive Menschen gab, die Widerstand und Aufstand leisteten und probten und man davon etwas mitbekam. Das änderte nichts an der Einstellung der Landbevölkerung Deutschlands, auch heute nicht, könnte man meinen. Könnte man, muss man aber nicht. Der Volksmund spricht nämlich oft mit gespaltener Zunge. Weisheiten wie „Gegensätze ziehen sich an“ und „Gleich und gleich gesellt sich gern“ existieren unhinterfragt nebeneinander. So gelten Menschen vom Land noch heute als konservativ, aber gleichzeitig auch als ungehobelt. Das kann ich so nicht bestätigen. Als Schüler war ich manchmal Gast bei Familien aus der Stadt, wo es Sitte war, sich Essen mit der Hand auf den Teller zu laden, dies dann aber mit Besteck und nicht ohne vorheriges Tischgebet in sich rein zu schaufeln. Tischgespräche fanden mit vollem Mund statt, drehten sich aber um Themen wie den sonntäglichen Kirchgang. Als angeblicher Rohling vom Land war ich fassungslos. Sicher, mir schwante nicht wesentlich später, dass ich als säkular-humanistisch erzogener Sohn einer Mittelstandsfamilie nie ins Landleben passte – das spürte ich spätestens, als ich den Körpergeruch meiner damaligen Nachbarn als „Schweine-“ oder „Kuhgeruch“ einordnete und richtig lag – doch damals dachte ich nicht weiter nach und sagte mir: so etwas ist urban. Das ist es natürlich auch nicht.

Nüchtern stellen wir fest: auf dem Land ist man, wenn die Häuser pro Quadratkilometer wengier und die dazwischen liegenden Grün- und Ackerflächen mehr werden. Andere Merkmale gibt es eigentlich nicht. Wer bereits auf dem Land ist und noch weiter „raus“ fährt, findet sich ebenso abrupt in der absoluten Leere wieder, wie das Auge des geneigten Lesers, wenn er diesen Satz beendet.

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