Der stille deutsche Patriotismus äußert sich nicht so, wie man es von großspurigen Auftritten so genannter „Rechtsdemokraten“ gewohnt ist. Er ist für gewöhnlich so still, dass man ihn nicht als solchen erkennt. Er ist meist sogar komplett passiv. Als Deutscher im Ausland wartet man zunächst mal darauf, als solcher erkannt zu werden. Das soll bloß nicht von einem ebenfalls deutschen Touristen bewerkstelligt werden, denn man ist ja am Blick des Auslands aufs Eigene interessiert.
Als ich also mit meiner geliebten Reisepartnerin in Stockholm von einem Amerikaner „entdeckt“ wurde, freute ich mich schon auf das, was da kommen würde. Und wie es kam! Im Ausland ist das deutsch, was technisch ist. „You have a lot of technology there“ ist wohl der häufigste Satz, gleich darauf folgte in meinem Fall verwunderlicherweise „your trains are great“. Ja, als Amerikaner ist man Geschosse wie den ICE nicht gewohnt, doch als Deutscher könnte einem nichts ferner liegen, als seinen „trains“ das Adjektiv „great“ zu geben. An dieser Stelle oute ich mich als Vielfahrer und zähle auf, was an der deutschen Bahn nicht großartig ist: die Preise, die Firmenstrategie, die Anbindung mancher Bahnhöfe. Das Weihnachtsgeschenk der Bahn an die Deutschen sind immer erhöhte Preise. Natürlich begründet der Konzern das immer fein säuberlich, die Rohstoffpreise seien gestiegen und die Inflation und die Löhne und und und. Doch ich wage zu behaupten, dass selbst wenn das Zeitalter käme, in dem die Bahn Schienen aus massivem Gold verlegen und das aus der Portokasse zahlen kann, noch die Preise erhöht werden. Es würde sonst einfach etwas fehlen.
Ich will jetzt aber gar nicht weiter mäkeln, denn ich bin nicht der, der auf Sozialtickets angewiesen wäre und ich habe die Hoffnung, dass man die Zeichen der Zeit bald erkennt und die Bahn wieder dem Verkehrsminister unterstellt. Was nämlich in den Fernverkehrszügen der Bahn geschieht ist zum Kopfschütteln. Man war die letzten Jahre bemüht darum, das Bahnfahren elitärer aussehen zu lassen. Es gab mal eine Werbeoffensive für Fahrten mit der ersten Klasse. Man kann sich in den Bordrestaurants – wenn sie denn offen haben! – edelste Speisen servieren lassen, das heißt: mittelmäßige Speisen, die auf edlen Rezepten honoriger Spitzenköche aus allen Ecken Europas basieren und völlig überteuert sind. Freundliches Personal hat die Bahn, da muss ich mich gegen den Trend stellen, der ja so aussieht, dass man sich ständig über muffige und unfreundliche Angestellte beschwert. Doch diese Beschwerden sind in Bordrestaurants meist berechtigt. In einem völlig überfüllten ICE war ich mal gezwungen, mich in einem solchen niederzulassen. Dort traf ich auf viele interessante Persönlichkeiten, mit denen ich lehrreiche Gespräche führte. Doch auch einen „Restaurantchef“, der einer verzweifelten Mutter, die nach heißem Wasser für irgendwelche Babynahrung suchte, doch tatsächlich einen Euro abzuknöpfen die Frechheit hatte. Als meine Tischgenossen davon Wind bekamen, brodelte es gehörig im Kessel der Passagiere. Da sitzt – nein, steht man schon in einem völlig überfüllten Zug, hat eventuell noch mit einem „Upgrade“ auf die erste Klasse versucht, dem Pöbel aus dem Weg zu gehen und muss sich dann noch die Gegenwart knauseriger, alter Wurstverkäufer gefallen lassen, die die Not junger Mütter ausnutzen.
Ich glaube nicht daran, dass jedes Herz „eine revolutionäre Zelle“ ist. Das ist halbseidene Dichtung irgendwelcher selbsternannten Umstürzler. Revolutionäre Zellen sind heute die Zugabteile und Bordrestaurants. Denn man braucht mehr als ein Herz für die Überwindung eines ungerechten Systems. Man braucht eine gehörige Portion Unzufriedenheit. Und wo sonst findet man die in so reiner Form wie bei der Bahn? Da müsste man nur ein paar junge Leute mit Ideen und Dauerfahrscheinen ausstatten, schon hätte man eine Revolution im Gange, davon hätte der Dutschke geträumt.
Während ich dies schreibe sitze ich auf einem „bahn.comfort“-Platz. Noch so ein Versuch, die Elitenbahn zu konstruieren und genau so absurd wie das Konstrukt selbst. Wer nämlich genug Punkte gesammelt hat, der hat das Recht, sich auf diese Plätze zu setzen. Als „normaler“ Mitfahrer hat man natürlich auch das Recht, muss aber dem Punktebaron Platz machen, der auf dieses Recht pocht. Ich bin übrigens kein „bahn.comfort“-Kunde und werde mich keinen Zentimeter bewegen, bis ein höherer Beamter der Bundespolizei mir eine Haftstrafe androht. Dann setze ich mich einen Platz weiter und mache das, was nervige Mitreisende am besten können: ich telefoniere so laut mit dem Handy, dass die ohnehin schon wackeligen Kofferablagen zittern. Ich esse Brote, die mit etwas belegt sind, dessen Geruch an ein totes, verschwitztes Pferd erinnert und schmatze dabei, beziehungsweise grunze, weil ich den Mund viel zu voll genommen habe. Ich atme im Minutentakt lautstark aus, weil mich irgendetwas bedrückt oder die Luft zu schlecht ist. Ich betrinke mich im Bordrestaurant und gröhle dann Fußballlieder durchs Abteil. Und wenn das alles nichts hilft, greife ich zum letzten Strohhalm und stelle die Lehne meines Sitzes zurück. Das fassen nämlich die meisten Mitreisenden als Sakrileg auf. Man sieht also: die Revolution im Zug scheitert wie jede andere auch an der mangelnden Solidarität.
Was mein kleiner Exkurs in das Reich der Schienen hoffentlich auch gezeigt hat: Bahn fahren ist nicht elitär. Wer das behauptet, hat zu viele Western gesehen, in denen irgendwelche Ölmagnate einen eigenen Wagen an die Dampflog hängen, in dem dann Billard gespielt und Single Malt getrunken wird. Es ist sogar so unelitär, dass aufstrebende Mittelständler es in der Gesellschaft feinerer Leute verschweigen, wenn sie dieses überaus bequeme, schnelle und umweltschonende Vekehrsmedium genutzt haben, um Verwandte zu besuchen. Im heutigen Verständnis der „Elite“ hat Kollektivistisches keinen Platz, da ist jeder selbst für den Transport seines Wohlstandshinterns verantwortlich. Das hätte mir der Amerikaner am Anfang der Geschichte wohl auch erzählt, denn die haben das „jeder für sich, alle gegeneinander“ als Gesellschaftsentwurf ja nunmal erfunden. Doch immer wenn ich aus dem Fenster des Zuges schaue und von weitem einen kilometerlangen Stau sehe, dann bin ich froh, dass mir das erspart bleibt.
Denn in der Blechlawine steckt sicherlich der eine oder andere Porsche oder Bentley, deren Besitzer sich nun im Stillen oder zumindest alleine aufregen müssen und deren einziger Trost in diesen Momenten ironischerweise ist, dass sie nicht mit der Bahn fahren müssen.
Der stille deutsche Patriotismus äußert sich nicht so, wie man es von großspurigen Auftritten so genannter „Rechtsdemokraten“ gewohnt ist. Er ist für gewöhnlich so still, dass man ihn nicht als solchen erkennt. Er ist meist sogar komplett passiv. Als Deutscher im Ausland wartet man zunächst mal darauf, als solcher erkannt zu werden. Das soll bloß nicht von einem ebenfalls deutschen Touristen bewerkstelligt werden, denn man ist ja am Blick des Auslands aufs Eigene interessiert.
Als ich also mit meiner geliebten Reisepartnerin in Stockholm von einem Amerikaner „entdeckt“ wurde, freute ich mich schon auf das, was da kommen würde. Und wie es kam! Im Ausland ist das deutsch, was technisch ist. „You have a lot of technology there“ ist wohl der häufigste Satz, gleich darauf folgte in meinem Fall verwunderlicherweise „your trains are great“. Ja, als Amerikaner ist man Geschosse wie den ICE nicht gewohnt, doch als Deutscher könnte einem nichts ferner liegen, als seinen „trains“ das Adjektiv „great“ zu geben. An dieser Stelle oute ich mich als Vielfahrer und zähle auf, was an der deutschen Bahn nicht großartig ist: die Preise, die Firmenstrategie, die Anbindung mancher Bahnhöfe. Das Weihnachtsgeschenk der Bahn an die Deutschen sind immer erhöhte Preise. Natürlich begründet der Konzern das immer fein säuberlich, die Rohstoffpreise seien gestiegen und die Inflation und die Löhne und und und. Doch ich wage zu behaupten, dass selbst wenn das Zeitalter käme, in dem die Bahn Schienen aus massivem Gold verlegen und das aus der Portokasse zahlen kann, noch die Preise erhöht werden. Es würde sonst einfach etwas fehlen.
Ich will jetzt aber gar nicht weiter mäkeln, denn ich bin nicht der, der auf Sozialtickets angewiesen wäre und ich habe die Hoffnung, dass man die Zeichen der Zeit bald erkennt und die Bahn wieder dem Verkehrsminister unterstellt. Was nämlich in den Fernverkehrszügen der Bahn geschieht ist zum Kopfschütteln. Man war die letzten Jahre bemüht darum, das Bahnfahren elitärer aussehen zu lassen. Es gab mal eine Werbeoffensive für Fahrten mit der ersten Klasse. Man kann sich in den Bordrestaurants – wenn sie denn offen haben! – edelste Speisen servieren lassen, das heißt: mittelmäßige Speisen, die auf edlen Rezepten honoriger Spitzenköche aus allen Ecken Europas basieren und völlig überteuert sind. Freundliches Personal hat die Bahn, da muss ich mich gegen den Trend stellen, der ja so aussieht, dass man sich ständig über muffige und unfreundliche Angestellte beschwert. Doch diese Beschwerden sind in Bordrestaurants meist berechtigt. In einem völlig überfüllten ICE war ich mal gezwungen, mich in einem solchen niederzulassen. Dort traf ich auf viele interessante Persönlichkeiten, mit denen ich lehrreiche Gespräche führte. Doch auch einen „Restaurantchef“, der einer verzweifelten Mutter, die nach heißem Wasser für irgendwelche Babynahrung suchte, doch tatsächlich einen Euro abzuknöpfen die Frechheit hatte. Als meine Tischgenossen davon Wind bekamen, brodelte es gehörig im Kessel der Passagiere. Da sitzt – nein, steht man schon in einem völlig überfüllten Zug, hat eventuell noch mit einem „Upgrade“ auf die erste Klasse versucht, dem Pöbel aus dem Weg zu gehen und muss sich dann noch die Gegenwart knauseriger, alter Wurstverkäufer gefallen lassen, die die Not junger Mütter ausnutzen.
Ich glaube nicht daran, dass jedes Herz „eine revolutionäre Zelle“ ist. Das ist halbseidene Dichtung irgendwelcher selbsternannten Umstürzler. Revolutionäre Zellen sind heute die Zugabteile und Bordrestaurants. Denn man braucht mehr als ein Herz für die Überwindung eines ungerechten Systems. Man braucht eine gehörige Portion Unzufriedenheit. Und wo sonst findet man die in so reiner Form wie bei der Bahn? Da müsste man nur ein paar junge Leute mit Ideen und Dauerfahrscheinen ausstatten, schon hätte man eine Revolution im Gange, davon hätte der Dutschke geträumt.
Während ich dies schreibe sitze ich auf einem „bahn.comfort“-Platz. Noch so ein Versuch, die Elitenbahn zu konstruieren und genau so absurd wie das Konstrukt selbst. Wer nämlich genug Punkte gesammelt hat, der hat das Recht, sich auf diese Plätze zu setzen. Als „normaler“ Mitfahrer hat man natürlich auch das Recht, muss aber dem Punktebaron Platz machen, der auf dieses Recht pocht. Ich bin übrigens kein „bahn.comfort“-Kunde und werde mich keinen Zentimeter bewegen, bis ein höherer Beamter der Bundespolizei mir eine Haftstrafe androht. Dann setze ich mich einen Platz weiter und mache das, was nervige Mitreisende am besten können: ich telefoniere so laut mit dem Handy, dass die ohnehin schon wackeligen Kofferablagen zittern. Ich esse Brote, die mit etwas belegt sind, dessen Geruch an ein totes, verschwitztes Pferd erinnert und schmatze dabei, beziehungsweise grunze, weil ich den Mund viel zu voll genommen habe. Ich atme im Minutentakt lautstark aus, weil mich irgendetwas bedrückt oder die Luft zu schlecht ist. Ich betrinke mich im Bordrestaurant und gröhle dann Fußballlieder durchs Abteil. Und wenn das alles nichts hilft, greife ich zum letzten Strohhalm und stelle die Lehne meines Sitzes zurück. Das fassen nämlich die meisten Mitreisenden als Sakrileg auf. Man sieht also: die Revolution im Zug scheitert wie jede andere auch an der mangelnden Solidarität.
Was mein kleiner Exkurs in das Reich der Schienen hoffentlich auch gezeigt hat: Bahn fahren ist nicht elitär. Wer das behauptet, hat zu viele Western gesehen, in denen irgendwelche Ölmagnate einen eigenen Wagen an die Dampflog hängen, in dem dann Billard gespielt und Single Malt getrunken wird. Es ist sogar so unelitär, dass aufstrebende Mittelständler es in der Gesellschaft feinerer Leute verschweigen, wenn sie dieses überaus bequeme, schnelle und umweltschonende Vekehrsmedium genutzt haben, um Verwandte zu besuchen. Im heutigen Verständnis der „Elite“ hat Kollektivistisches keinen Platz, da ist jeder selbst für den Transport seines Wohlstandshinterns verantwortlich. Das hätte mir der Amerikaner am Anfang der Geschichte wohl auch erzählt, denn die haben das „jeder für sich, alle gegeneinander“ als Gesellschaftsentwurf ja nunmal erfunden. Doch immer wenn ich aus dem Fenster des Zuges schaue und von weitem einen kilometerlangen Stau sehe, dann bin ich froh, dass mir das erspart bleibt.
Denn in der Blechlawine steckt sicherlich der eine oder andere Porsche oder Bentley, deren Besitzer sich nun im Stillen oder zumindest alleine aufregen müssen und deren einziger Trost in diesen Momenten ironischerweise ist, dass sie nicht mit der Bahn fahren müssen.